Nicolai Hartmann, Der philosophische Gedanke und seine Geschichte. Aufsätze, Stuttgart (Reclam) 1957, Seite 174 - 175

Der Mensch ist gewiß nicht allmächtig, die Rolle, die man der Gottheit zuschrieb, fällt ihm nicht zu; man kann mit ihm nicht hadern um das Sinnlose in der Welt, wie man mit dem Allmächtigen gehadert hat, an ihm haftet kein unwürdiger Streit um seine "Rechtfertigung". Aber ein Stück Macht ist ihm gegeben, das in der Tat nur er hat. Und dieses genügt, daß er der Welt gebe von dem Seinen, was sie von sich nicht hat. Denn Sinngebung spielt in anderer Dimension als das Ausmeßbare in Raum und Zeit. Es ist mit der Welt wie mit dem Menschenleben: jeder Schimmer von Sinngebung in einem Bruchteil ist unmittelbar Sinngebung des Ganzen.
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Ja streng genommen kann es Sinn-"Gebung" nur da geben, wo noch Sinnloses ist. Was schon sinngesättigt ist, kann keine Sinngebung mehr erfahren. Nun aber ist Sinngebung an die Welt die spezifische Form der Sinnerfüllung, die einem freien Wesen gemäß ist. Also muß man die alte These umkehren. Nicht so ist es, daß unser Menschenleben sinnlos bliebe, wenn die Welt als Ganzes sinnlos wäre. Sondern vielmehr unser Menschenleben bliebe sinnlos, wenn die Welt als Ganzes auch ohne uns schon vollendet sinnerfüllt wäre. Dem Menschen bliebe dann die ihm gemäße Form der Sinnerfüllung vorenthalten, die durch Sinngebung an die Welt.
Gerade die Aufgabe als solche - und mithin deren Unerfülltheit in der Welt - ist für ihn sinnvoll. Sie ist es auch dann, wenn er selbst sie sich erst stellen, ja sie allererst herausfinden muß. Und vielleicht dann am meisten. Man stoße sich nicht an der Paradoxie des Ausdrucks: sinnvoll für den Menschen ist gerade die Sinnlosigkeit in der Welt. Das Sinnlose ist ja nicht sinnwidrig; es leistet der Sinngebung nicht Widerstand. Es ist vielmehr das, worin allein Spielraum möglicher Sinngebung ist.

Zwei Text- und Arbeitsblätter zu Arnold Gehlen, konservativer Anthropologe der Leipziger Schule. Der Mensch als Mängelwesen braucht starke sinnstiftende Institutionen, anderenfalls vermag er die Leere und Abgründigkeit seines Selbst nicht zu ertragen. Andrerseits traute Gehlen dem Einzelnen nicht zu, für sich selbst jeweils originell den Sinn des Lebens zu suchen (Überforderung).
Texte und Arbeitsanweisungen dazu stammen von: Stanko Christi, Wentzinger Gymnasium Freiburg