ISBN 3-922936-66-0
Seite 19f

Die Relativitätstheorie hat eine Anzahl fundamental neuer, subtiler Konzepte von Raum, Zeit und Materie aufgestellt. Wesentlich für uns ist dabei, daß der Begriff getrennter und unabhängiger Teilchen als grundlegender Bestandteil des Universums aufgegeben werden mußte. Statt dessen wurde als grundlegender Begriff das Feld eingeführt, das sich kontinuierlich durch den Raum ausdehnt. Daraus mußte der Begriff des Teilchens entwickelt werden. Ich möchte diese Idee mit dem Bild einer Flüssigkeitsbewegung, eines Strudels erläutern. Es gibt in dieser Flüssigkeit ein sich wiederholendes stabiles Muster. Man könnte dies als Wirbel vorstellen, auch wenn es sich nicht um einen echten Wirbel handelt. Es gibt nur ein Fließmuster des Wassers. Aber Wirbel ist ein geeignetes Wort, um dieses Muster zu beschreiben.
Wenn man nun zwei Wirbel nahe genug zusammenbrächte, dann würden sie sich gegenseitig beeinflussen und ein ganz anderes Muster erzeugen und schließlich, wenn man sie eng genug aneinanderbrächte, in einen Wirbel verschmelzen. Man kann feststellen, daß es eine inhärente Wechselwirkung dieser Muster gibt, aber daß eine ungeteilte Ganzheit der Fließbewegung die zugrundeliegende Wirklichkeit darstellt. Getrennte Einheiten wie Wirbel sind relativ konstante und unabhängig voneinander operierende Formen, die in Wahrnehmung und Gedanken vom Ganzen abstrahiert werden.

Während die Physik des 19. Jhrds. Elementarpartikel annahm, die die Grundlage aller materiellen Gestalten bildeten, schlug Einstein in seiner Relativitätstheorie eine Menge kontinuierlicher Felder vor

... die den ganzen Raum durchdringen und innerhalb derer Teilchen als relativ stabile und unabhängige Strukturen an einem begrenzten Ort, an dem das Feld stark ist, verstanden werden. Daher wird jedes Teilchen als eine Abstraktion einer relativ unabhängigen und stabilen Form erklärt, das sich, wie der Wirbel, durch den Raum ausbreitet, ohne irgendwo eine Unterbrechung aufzuweisen.
Das Universum wird als eine ungeteilte Ganzheit, die sich in einer fließenden Bewegung befindet, verstanden.
Im folgenden zeigt Bohm, wie die Quantentheorie das mechanistische Weltverständnis viel umfassender überwand als die Relativitätstheorie:
Bohm nennt drei Merkmale der Quantentheorie:

S 21: Man hatte zum Beispiel herausgefunden, daß die Bahnen der Elektronen um den Atomkern herum diskrete Zustände einnehmen müssen, da keine Zwischenbahnen erlaubt sind, und dennoch kann das Elektron dieser Theorie zufolge irgendwie von einer Bahn in eine andere springen, ohne einen Zwischenzustand einzunehmen. Das Licht wurde ebenfalls durch Quanten beschrieben. Daher kann man sich alles als verknüpfendes Netzwerk von Quanten vorstellen, die das Universum zu einer Ganzheit verbinden, denn diese Quanten sind unteilbar.
...
Zweitens wurde entdeckt, daß Materie und Energie in dem Sinne eine duale Beschaffenheit offenbaren, daß sie entweder als Teilchen oder als Feld - als Welle - existieren können, je nachdem, welche Fragestellung im Experiment angewandt wird. Die Tatsache, daß alles entweder Wellen- oder Teilchencharakter zeigt, der vom Kontext der Umgebung abhängt, in diesem Fall also vom beobachtenden Meßinstrument, ist ganz eindeutig nicht mit der mechanistischen Theorie vereinbar, denn aus der Sicht der mechanistischen Theorie sollte jede Sache von ihrer Umgebung unabhängig sein. Der Vergleich mit einem Organismus bietet sich an, denn Organismen sind von ihrer Umgebung besonders abhängig.

Der dritte Punkt ist, daß es eine bestimmte neue Eigenschaft gibt, die ich nicht-lokale Verbindung nenne. Mit anderen Worten, eine Verbindung kann zwischen Teilchen in einigen Fällen über eine beträchtliche Distanz hinweg existieren. Dies verletzt das klassische Verständnis der lokalen Abhängigkeit - das besagt, daß sich nur Dinge, die nicht weit voneinander entfernt sind, gegenseitig beeinflussen können.

Es gibt einen weiteren Punkt, der hier in diesem Zusammenhang erwähnt werden könnte. Ein Gesamtzustand kann die Organisation seiner Bestandteile übernehmen und zwar nicht nur durch die starke Verbindung sehr weit voneinander entfernter Elemente, sondern auch weil der Gesamtzustand grundsätzlich so beschaffen ist, daß er die Teile organisiert.
S. 23:
Die Quantenmechanik besagt außerdem, daß es keinen vollständigen Determinismus gibt. Dies bedeutet, daß die Gesetze nur statistisch bestimmt werden. Man kann nicht exakt vorhersagen, was nach diesen Gesetzen passieren wird.
Zentral für das Verständnis der Gedanken von David Bohm ist das Hologramm. Mit dieser Metapher beschreibt er das Wesen des Kosmos.
S. 26ff
Der springende Punkt ist nun, daß jeder Teil des Hologramms ein Abbild des ganzen Objektes darstellt. Es handelt sich um eine Art von Wissen, das nicht einer Punkt-für-Punkt-Abbildung entspricht, sondern um eine andere Art. Wenn man übrigens nur einen Teil des Hologramms nimmt, dann wird man dennoch ein Bild des ganzen Objektes erhalten, aber das Bild wird weniger detailliert sein und man wird das Objekt nur aus einem engeren Winkel sehen können. Je größer der Anteil des Hologramms ist, desto genauer wird man das Objekt erkennen. Daher enthält jeder Teil eine Information des ganzen Objektes. In dieser neuen Form des Wissens ist in jedem Teil des Bildes eine Information über das Ganze enthalten. Man kann dadurch einen vorläufigen Eindruck von der Einfaltung bekommen, daß man sich ein Stück Papier vorstellt, es in der Vorstellung mehrere Male faltet, Nadeln in das Papier sticht, es einschneidet und entfaltet. Man erhält so ein Muster. Also liegt das Muster zunächst eingefaltet und dann entfaltet vor. In gewisser Hinsicht leistet ein Hologramm nichts anderes. ...

Zum Beispiel enthält das Licht aus allen Teilen des Raumes Informationen über den ganzen Raum; es faltet diese Informationen in einem kleinen räumlichen Bereich ein, wenn es durch unsere Pupille läuft, die Linse entfaltet es dann wieder und Nervensystem - das Gehirn - und Bewußtsein erzeugen irgendwie den Eindruck des ganzen Raumes, der auf eine Art und Weise entfaltet wird, die wir nicht ganz verstehen. Aber der Raum ist in jedem Teil des Raumes in eingefalteter Form vorhanden. Dies ist von entscheidender Bedeutung, denn anderenfalls würden wir nicht verstehen, was der Raum ist - die Tatsache, daß es einen ganzen Raum gibt, und wir den ganzen Raum von jedem Teil aus erkennen können. Das Licht, das in ein Teleskop eintritt, faltet auf ähnliche Weise Informationen über das ganze Universum von Raum und Zeit ein. Etwas allgemeiner gesagt, faltet die Bewegung aller Arten von Wellen das Ganze in jedem Teil des Universums ein.
Dieses Prinzip von Einfaltung und Entfaltung kann auch in einem viel vertrauteren Zusammenhang beobachtet werden. Zum Beispiel wird die Information, aus der ein Fernsehbild erzeugt wird, in einer Radiowelle eingefaltet, die dieses Bild in Form eines Signals trägt. Die Funktion des Fernsehempfängers ist es, diese Information zu entfalten und auf dem Bildschirm abzubilden.


Bohm zufolge bilden nicht wie im überholten materialistischen Verständnis der Wirklichkeit kleinste diskrete materielle Bausteine die Basis, sondern eher ein geistiges Prinzip der Einfaltung und Entfaltung von allem in allem bildet die Grundlage, auf der dann Objekte sichtbar werden. Die sichtbaren Objekte sind demzufolge sekundär.
Ich möchte hier den Vorschlag machen, daß die Bewegung von Einfaltung und Entfaltung letztlich die primäre Wirklichkeit darstellt, und die Objekte, Einheiten, Formen usw., die in dieser Bewegung auftreten, sekundär sind.
Wie ist dies also möglich? Wie ich bereits betont habe, zeigt die Quantentheorie, daß die Teilchen, aus denen die Materie besteht, ebenfalls als Wellen beschrieben werden können, die denen des Lichtes ähneln. Man kann also im Prinzip Hologramme erzeugen, wenn man Elektronenstrahlen, Protonenstrahlen, oder Schallwellen benutz - was man in der Tat auch schon getan hat. Das wesentliche ist, daß die mathematischen Gesetze der Quantentheorie, die sich auf diese Wellen und daher auf jegliche Materie anwenden lassen, so verstanden werden können, daß sie eine Bewegung beschreiben, in der es ein kontinuierliches Entfalten des Ganzen in jeden Bestandteil und ein erneutes Einfalten aller Teile in das Ganze gibt. Ich werde diese universelle Bewegung von Einfaltung und Entfaltung <Holobewegung> nennen.
Mein Vorschlag ist nun, daß die Holobewegung die zugrundeliegende Wirklichkeit darstellt, so weit wir dies überhaupt sagen können, und daß alle Einheiten, Objekte und Formen, wie wir sie normalerweise kennen, relativ stabile, unabhängige und autonome Ausprägungen der Holobewegung darstellen, so wie ein Strudel eben eine solche Ausprägung des Fließens einer Flüssigkeit ist.
Die zugrundeliegende Ordnung dieser Bewegung ist daher Einfaltung und Entfaltung. Wir sehen so das Universum in einer neuen Ordnung, die ich als eingefaltete Ordnung oder implizite Ordnung bezeichne.
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Seite 30f:

Nun, um ein weiteres Beispiel zu geben: Sie alle haben wohl schon ein Computerspiel gesehen. Es gibt da einen Bildschirm, den man als implizite Ordnung bezeichnen könnte, denn, wie ich bereits erklärt habe, können aus ihm heraus alle Arten von Formen entfaltet werden, je nachdem, welche Informationen zuvor an den Bildschirm geschickt wurden. Wenn dieser Bildschirm nun mit einem Computer verbunden wird, dann wird er Formen entfalten, beispielsweise Raumschiffe, je nachdem, welches Programm geladen wurde, und man erkennt, daß der Computer die Informationen einfaltet, die er benötigt, um die Raumschiffe darzustellen. Also gibt es zwei implizite Ordnungen - erstens die implizite Ordnung des Bildschirms, zweitens die Art und Weise, in der die Information im Computer eingefaltet ist. Drittes existieren noch die Knöpfe, die der Spieler drückt, und schließlich haben wir auch noch den, der dies alles spielt - dies ist die dritte implizite Ordnung. Er faltet alles immer weiter ein, und er wird natürlich durch dieses Geschehen am Bildschirm beeinflußt. So läuft alles ab. Alle drei zusammen ergeben eine Art Einheit ... Nun ist dies ein gutes Beispiel dafür, wie quantenmechanische Felder beschaffen sind, denn die erste implizite Ordnung ähnelt dem Feld; es existiert eine supra-implizite Ordnung, die das Feld in kleine Einheiten aufteilt, die alle Teilchenverhalten zeigen ...

In der Tat ist die Idee der Einfaltung schon sehr alt. Sie war im Osten bereits vor langer Zeit bekannt. Wenn man ein Lebewesen betrachtet, eine Pflanze beispielsweise, die sich aus einem Samenkorn entwickelt hat, dann stellt man fest, daß der Same sehr wenig zur Substanz der ausgewachsenen Pflanze und zur Energie, die zum Wachstum benötigt wird, beiträgt. Diese stammen aus Luft, Wasser, Erde und Sonne. Den modernen Vorstellungen der Genetik zufolge, besitzt der Same, gewissermaßen in Form von DNA, die Information, die an die Materie übermittelt wird, aus der die Pflanze schließlich gebildet wird. Nun gebrauchen wir bereits den Begriff der impliziten Ordnung allgemein für die Materie. Wir sehen, wie sie sich ständig wieder in den Hintergrund einfaltet. Man kann sich vorstellen, wie sich ein Elektron aus diesem Hintergrund an einer bestimmten Stelle entfaltet, sich wieder zurückfaltet, wie sich ein anderes Elektron daneben entfaltet, wieder einfaltet, dann ein anderes und noch ein weiteres, und nach und nach sieht alles wie die Spur eines einzigen Elektrons aus. Man kann hier die Diskontinuität erkennen, denn die Orte der Entfaltung brauchen nicht nebeneinander zu liegen. Man kann so verstehen, warum es Kontinuität und Diskontinuität, also Welleneigenschaften gibt, die aus der Entfaltung resultieren. Wir können so erkennen, daß sich die unbelebte Materie ständig selbst durch Einfaltung und Entfaltung in Form unbelebter Materie erzeugt, sich repliziert. Dies ist mein Gedankengang. Nun entfaltet sich die Materie durch die zusätzliche Information, die aus dem Samen stammt, statt dessen in eine Pflanze, die dann Samen für neue Pflanzen erzeugen kann. Man kann dies als kontinuierlichen Vorgang einer Entfaltung betrachten, welcher durch neue Ordnungen, die aus der genetischen Struktur stammen, modifiziert werden kann, worauf dann eine Entfaltung in ein ganz anderes Lebewesen stattfindet.
Textgrafik zur <Impliziten Ordnung> Datei kann nur von Print Artist 8 gelesen werden
Bohm versucht den für das europäische Denken klassischen Dualismus von Geist und Materie zu überwinden
Seite 114f

Vom Standpunkt der impliziten Ordnung aus gesehen sind Energie und Materie mit einer Art Bedeutung erfüllt, die ihrer Gesamtaktivität und der Materie, die durch diese Aktivität entsteht, eine Form verleiht. Ganz allgemein entfaltet die Energie Materie und Bedeutung, und die Materie entfaltet Energie und Bedeutung. Aber die Bedeutung führt ebenso zu einer Entfaltung von Materie und Energie.
Vollständig gelingt ihm dies nicht. Die Bedeutung im Sinne von Geist, Sprache, Interpretation von Wirklichkeit, hebt sich von Materie und Energie wie folgt ab:

... denn wir können über die Bedeutung der Bedeutung diskutieren. In gewisser Hinsicht entfalten Bedeutungen Bedeutungen. Aber es gibt keine Materie der Materie oder Energie der Energie. Für Materie und Energie scheint keine immanente Entfaltungsbeziehung zu existieren. Materie entfaltet in dieser Sichtweise durch die Bedeutung Energie und die Energie entfaltet Materie. Aber die Bedeutung verweist direkt auf sich selbst, und dies bildet in der Tat die Grundlage für die Möglichkeit der Intelligenz, die das ganze verstehen kann, sich selbst inbegriffen. Auf der anderen Seite erhalten Materie und Energie ihren Selbstbezug zunächst nur indirekt durch die Bedeutung. Wir können die Materie dadurch auf sich selbst beziehen, daß wir erkennen, welche Bedeutung sie für uns hat; oder wir können dadurch die Materie auf Energie oder die Energie auf Materie beziehen, daß wir ihre Bedeutung erfassen. Wir bringen beide miteinander nur durch ihre Bedeutung in eine wechselseitige Beziehung.