Können Computer Bedeutungsgehalte ermitteln?

. Wenn Erkenntnis Bedeutung haben soll, muß sie mehr sein als die Ansammlung von Datenmaterial und den daraus zu ziehenden logischen Verknüpfungen.
Ich möchte an einem Gedankenexperiment verdeutlichen, was ich unter einer Erkenntnis verstehe, die Bedeutung hat. Nehmen wir an, die Menschheit entwickelt die Computertechnik so weit, dass sie die biologisch begrenzte Gedächtnisleistung und Kombinationsfähigkeit des menschlichen Gehirns beträchtlich erhöht und in einem Netzwerk das gesamte Wissen der Menschheit zu speichern imstande ist. Gemäß den eingegebenen Befehlen sei das Netzwerk in der Lage, dieses Wissen unter verschiedenen Gesichtspunkten und Fragestellungen zu vergleichen und miteinander zu verbinden, so dass ständig neue Muster von Information durch Rekombination des Wissens entstehen. Die Computer mögen so programmiert sein, dass sie auch selbstständig Fragen aufwerfen und Schlussfolgerungen ziehen nach den ihnen eingegebenen Gesetzen der Logik. Stellen wir uns weiter vor, dieses Datenverarbeitungssystem sei offen. Ständig werden neue Daten aus den unterschiedlichsten Quellen in das System eingespeist: Neu entdeckte Galaxien, Ergebnisse von Spektralanalysen ferner Sonnen, meteorologische Daten, Luftzirkulation, Wassertemperaturen aus allen Weltmeeren und Flüssen der Erde, Daten über die verschiedensten Biotope. Diese Daten werden archiviert und ständig mit anderen verglichen, eine Informationsflut entsteht, die kein menschliches Hirn mehr überschauen kann. Verläufe, Simulationen, Prognosen werden bekanntgegeben, Warnungen ausgestoßen, Theorien auf Falsifizierung überprüft. Kurz: die Menschheit hat ein perfektes System der Wissensbeschaffung und -verarbeitung hervorgebracht. Die Computer sind so programmiert, dass sie automatisch ohne Zutun des Menschen in einigen Jahrzehnten das gesamte sichtbare Universum ausgelotet haben werden. Der Tag wird kommen, an dem die Computer dann aus dem Datenmaterial die richtigen Schlüsse ziehen werden, um zur alles erklärenden Weltformel zu gelangen. Nun passiert das Schreckliche: Die Menschheit vernichtet sich selbst. Ohne ihre Erfinder und Programmierer arbeitet das digitale Netzwerk mit unverminderter Kraft weiter, da noch ausreichend Energiereserven vorhanden sind. Wie läßt sich das beschreiben, was nun stattfindet? Die Informationsbeschaffung läuft ja weiter. Da mögen in einer stabilen Umlaufbahn um die Erde geparkte Teleskope sensationelle Daten übermitteln von den Rändern unseres Weltalls, Explosionen von Sternen werden beobachtet, ebenso die Geburt neuer Sonnen aus interstellarem Gas. Erstmals weist die Analyse des von Planeten reflektierten Lichts, die aufgrund hochauflösender Teleskope nun direkt zu beobachten sind, darauf hin, dass es auf erdähnlichen Planeten ebenfalls mit großer Wahrscheinlichkeit Leben gibt. Die Computer erkennen aus dem von diesen Planeten empfangenen Licht, dass es auf ihnen eine sauerstoffhaltige Atmosphäre geben muss. Durch Verknüpfung dieser Information mit ihren Datenspeichern gelangen sie zu dem Schluss, dass es auf ihnen mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit unter Berücksichtigung einer gewissen Fehlertoleranz Leben geben müsse. Das Vorhandensein von großen Mengen Sauerstoff kann nur auf die Aktivität von Photosynthese zurückgeführt werden. Selbstständig richten sie die Radioteleskope der entvölkerten Erde auf jene Bezirke im Universum. Als sie regelmäßige Radiosignale empfangen, deren Sequenz einer bestimmten Logik folgt und deren zufälliges Zustandekommen einer Wahrscheinlichkeit von eins zu zehn Milliarden beträgt, tun sie das, worauf sie programmiert sind: sie entsenden den Standardgruß für eine vermutete außerirdische Intelligenz. Anschließend wird das gesamte enzyklopädische Wissen der ausgestorbenen Menschheit nach einer ausgeklügelten universalen Logik, von der die Menschen annahmen, dass sie jede vernünftige Spezies im Universum verstehen werde, auf diesen fernen Planeten transmittiert. Nach Ablauf einer unendlich langen Zeit (immerhin sind Hunderte von Lichtjahren zu überbrücken) komplettieren die Datensysteme auf der Erde ihre Speicher um die Informationen, die von der fremden Intelligenz zur Erde zurückgesandt worden sind aus Dankbarkeit über das von der Menschheit erworbene Wissen und vor allem darüber, dass sie nun den Beweis erhalten hätten, dass sie nicht allein sind in den endlosen Wüsten des Kosmos wie sie Jahrtausende über anzunehmen gezwungen waren. Es stimme sie heiter, dass die Menschheit ähnlich empfunden habe. Nach Sichtung des neu hinzugekommenen Datenmaterials und Abgleichs der Fundamentaltheorien, der Naturgesetze und Naturkonstanten erscheinen auf den Computerbildschirmen nüchtern und emotionslos die Ergebnisse des Datenvergleichs und als deren Konsequenz die schlüssigste Kosmogonie.
Nun – ich möchte meine Phantasie nicht überschäumen lassen und das Gedankenexperiment hier abbrechen. Das Endresultat besteht also aus einem ausserordentlich hohen Maß an Information, deren materiale Oberfläche die Konfigurationen von Festplatten und Datenspeichern sind. Doch liegt so etwas wie Erkenntnis vor? Eindeutig Nein! Denn ihre wichtigsten Attribute: Bedeutung, Empfindung und die Selbst-Bewegung des wissenden Geistes fehlen. Es ist schlicht niemand mehr da, für den die Information Bedeutung haben könnte. Zumindest gilt das für die entvölkerte Erde. Für die außerirdische Intelligenz wird selbstverständlich die von der Erde empfangene Information von größter Bedeutung sein. Kein zentriertes Subjekt hätte angesichts der genialen Zusammenhänge, die die Computer ermittelt haben, angesichts der nun vorliegenden Weltformel irgendeine wie auch immer geartete Empfindung, nicht einmal die, dass da überhaupt Information ist. Die auf den Monitoren aufflackernde Schönheit der Weltformel, deren Brillianz und nicht vermutete Schlichtheit nun niemanden mehr zu beeindrucken vermag, erstrahlt ins Nichts. Alles bleibt dunkel, leer und nichtig, solange die Information nicht für ein zentriertes Subjekt, das sie empfinden könnte, Bedeutung erlangt. Etwas konkret im Hier und Jetzt zu empfinden, ist das zentrale Element des Lebens, das alle höheren, kognitiven und geistigen Vorgänge konstituiert. Die Empfindung beschränkt sich ja nicht nur auf den Vorgang der vermeintlich objektiven Wahrnehmung der Natur, derart dass vor der Anschauung die sinnliche Empfindung steht, sondern empfunden wird wiederum auch das Resultat von Naturbeobachtung: die Idee, die Verknüpfung von Daten, das Modell, die Kosmogonie usw. Handelt es sich bei ihnen auch um geistige Größen, so unterliegen doch auch sie der inneren Anschauung, zu der das erkennende Subjekt in Beziehung tritt. Läge kein Bezug vor, stünden wir nicht in Relation zu der Idee, die vor unserem „inneren Auge" auftaucht, könnten wir die Erkenntnis nicht erkennen, dann freilich würden wir uns von der Ebene der Computerbildschirme nicht unterscheiden, kurz: wenn Erkenntnis nicht empfunden wird, ist sie bedeutungslos