Warum die Welt ist, das kann keine Wissenschaft beantworten Glück, Leiden, Wahrheit, Weisheit: Was der Philosoph dazu sagt
Die Menschenrechte sind für Robert Spaemann die einzige Form, durch die die Menschenwürde in einer wissenschaftlich-technischen Zivilisation überleben kann. Mit dem Philosophen sprach Elisabeth Kummer.

DIE PRESSE: Die Frage, woher wir kommen und wohin wir gehen, füllt eine Reihe mehr oder weniger wissenschaftlicher Bücher. Gott wird wieder interessant - auch für die Naturwissenschaft. Wird sie Gott finden?
Robert Spaemann: Naturwissenschaftler werden Gott finden, die Naturwissenschaft nie. Dazu ist sie auch gar nicht entwickelt worden. Die Naturwissenschaft bewegt sich auf der Ebene des Geschaffenen - so zumindest nennt es der Glaubende. Der Grund der Schöpfung jedoch entzieht sich der naturwissenschaftlichen Betrachtung. Ob der Urknall ein Anfang ist oder ob er selbst nur ein Ereignis in einer unendlichen Kette von expandierenden und sich zusammenziehenden Universen ist, wissen wir nicht. Die Naturwissenschaft fragt immer weiter zurück, sie wird auch versuchen, die physikalischen Bedingungen des Urknalls zu verstehen. Vielleicht gelingt es ihr, vielleicht auch nicht. Nur: Die Frage nach dem eigentlichen Grund, warum die Welt überhaupt ist - diese Frage kann sie prinzipiell nicht beantworten.

Wieso prinzipiell?
Spaemann: Ich möchte das anhand eines Bildes verdeutlichen. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im Kino und sehen einen Film über Löwen. Man sieht ein Löwenjunges, dessen Mutter, die wieder eine Mutter hatte und so weiter. Der Film hat einen Anfang und ein Ende. Doch Anfang und Ende der Story sind nicht identisch mit Anfang und Ende des Filmes. Die Voraussetzung der ganzen Löwen-Story, den Projektor nämlich, sieht man nicht. Den Film kann ich nur sehen, weil es einen Projektor gibt. Aber der kommt im Film nicht vor. Analog dazu läßt sich die naturwissenschaftliche Betrachtung der Welt beschreiben. Gott kommt in der Welt nicht vor. Er ist ihre Bedingung, weshalb die Naturwissenschaft in dieser Frage keine Antworten geben kann. Eine Vermengung von Theologie und Naturwissenschaft halte ich nicht für zielführend. Das ist schon Teilhard de Chardin nicht geglückt und auch nicht jenen protestantischen Fundamentalisten, die den Schöpfungsbericht wörtlich nehmen. Text
 
Zitat aus <Glück und Wohlwollen>

Vernunft und Leben verhalten sich nämlich antagonistisch zueinander ...
Warum? Weil Vernunft diejenige Fähigkeit des Menschen ist, die es uns erlaubt, uns selbst von außen, sozusagen mit den Augen anderer zu sehen, oder, genauer gesagt, zu wissen, daß es eine solche Sicht aus anderen Augen gibt, deren Perspektive nicht die des Lebewesens ist, das wir selbst sind ...
Der Lernende erlebt, daß der Andere für ihn nicht nur Umwelt, intentionales Objekt ist, sondern daß er selbst zugleich Umwelt des anderen ist. Er realisiert den auf ihn selbst gerichteten Blick des Anderen. Leben heißt: Zentriertheit in sich, in einer organischen Mitte. Das Lebendige ist ein Innen, das sich gegen ein Außen abschließt. Es verwandelt das Begegnende in Umwelt und verleiht ihm auf diese Weise Bedeutsamkeit. Indem es allem Begegnendem im Rahmen der eigenen Selbstbehauptung und Selbstverwirklichung eine Bedeutung gibt, <versteht> es die Welt. Das schlechthin Unverstandene ist für das Lebendige nicht da.
Für das vernünftige Wesen kehrt sich die Richtung um. Fieri aliud inquantum aliud ist eine alte Definition seines kognitiven Weltverhältnisses. <Das Andere als das Andere werden>, das heißt, es als Unverstandenes realisieren, als etwas, das zunächst nicht in meiner Welt Bedeutung hat, sondern das selbst Subjekt ist, für das es Bedeutung gibt.
Vernunft beginnt mit dem Wissen, daß etwas existiert, wovon man selbst nichts weiß oder daß man nicht versteht. Die worte <Sein>, <existiert> und <es gibt> eröffnen einen Horizont, dessen Umfang unendlich und dessen Mitte überall ist, also gerade nicht nur dort, wo ich selbst bin. In diesem Horizont zu existieren, steht in einer unaufhebbaren Spannung zu der Tatsache, daß das vernünftige Wesen zugleich ein lebendiges ist, das fortfährt, im Mittelpunkt seiner Umwelt zu stehen und die Welt aus dem Gesichtspunkt seiner Sorge um das eigene Seinkönnen zu deuten.

Seite 110f
Interessant unter dem Gesichtspunkt der Evolutionstheorie bzw. des Übergangs Tier-Hominiden/Mensch ist folgender Gedankengang des Autors aus dem o.g. Werk:

Der Gegensatz von Lebendigkeit und Vernünftigkeit, organischem Leben und Reflexion ist von der Art, daß es keine kontinuierliche <Entwicklung> vom einen zum anderen gibt. Entwicklung ist eine Kategorie des Lebendigen. Das Lebendige durchläuft Zustände, die sich auseinander ergeben in einer Folge, die sich verstehen läßt als Funktion einer einheitlichen Tendenz, einer immanenten Teleologie, eines Aussein-auf, nämlich auf Erhaltung und Steigerung des eigenen Seins in Anpassung an eine Umwelt, die sich gegen diese Tendenz gleichgültig verhält. Die moderne Anthropologie hat Vernunft verstanden als Kompensation von Mängeln in der Ausstattung mit Systemerhaltungsmechanismen. Tatsächlich kann man eine Reihe von Vernunftleistungen als Leistungen im Dienst der Selbst- und Arterhaltung eines bestimmten Typus von Organismen verstehen. Schwieriger ist es schon, plausibel zu machen, wie jene Mängelverfassung überhaupt genetisch gedacht werden soll, wenn nicht so, daß sie von vornherein und immer schon durch Vernunftausstattung <kompensiert> war. Worauf es in diesem Zusammenhang ankommt, ist jener Überschuß an Vernunft, der sich in keiner Weise mehr ohne Verlust instrummentell, das heißt selbsterhaltungsfunktional interpretieren läßt. Dieser Überschuß besteht in der Eröffnung einer Dimension der Unbedingtheit, das heißt eines Horizontes, der wesentlich nicht relativ ist auf die Interessen eines Lebewesens oder einer natürlichen Art, sondern als wesentlich unendlicher Horizont alle endlichen Interessen umgekehrt zu relativieren erlaubt...
Die Worte <sein> und <gut> eröffnen einen solchen Horizont des Unbedingten: <Sein>, insofern es gerade nicht meint: Gegenständlichkeit, Sein-für, sondern Selbstsein, das aller Objektivität zugrundeliegt; <gut>, insofern es gerade nicht meint <gut für> und damit der Reflexion erlaubt, die weitere Frage zu stellen, ob es denn gut sei, daß das geschehe, was für diesen oder jenen gut ist...
Nur wo Seiendes als unbezüglich, als Selbstsein wahrgenommen wird, gewinnt der unbezügliche Gebrauch des Wortes <gut> seinen Sinn. Die Wendung zu diesem unbezüglichen, nicht funktionalen Gebrauch kann nun nicht gedacht werden als etwas, das sich aus der funktional verstehbaren Zustandsfolge eines endlichen lebendigen Systems irgendwie <entwickelt>. Es ist ein Bruch. Es sprengt den Kreis der Selbstbezüglichkeit und Selbstbehauptung. Es ist eine metanoia, eine Umkehr. Ich wähle hier mit Bedacht für diesen ontologischen Sprung einen Terminus aus der religiös-ethischen Sprache. Denn der ethische Appell <Bekehrt euch!> ruft ja zu nichts anderem auf als dazu, jene Wendung ausdrücklich zu realisieren, die einerseits das Menschsein des Menschen ausmacht, aber eben deshalb gerade nicht als Resultat einer <Entwicklung> gedacht werden kann. Entwicklung gibt es nur im Rahmen einer Richtung. Die Umkehr der Richtung nennen wir nicht Entwicklung, sondern Entscheidung...
Denn der Schritt, der von der tierischen zur menschlichen Natur führt -der Schritt zur Humanität-, ist nicht mehr Entwicklung. Er macht sich nicht von selbst, sondern hat den Charakter der Entscheidung.

S. 111ff (Hervorhebungen durch mich)