Essenz und Existenz, Band III, Seite 21ff

... Leben ist die <Aktualisierung des Seins> (Aristoteles). Dieser Lebensbegriff vereinigt zwei Hauptqualitäten des Seins, die meinem ganzen theologischen System zugrunde liegen. Die beiden Qualitäten sind das <Essentielle> und das <Existentielle>. Aber nur diejenige Essenz, die die Potentialität hat, aktuell zu werden, ist Teil des Lebens. Potentialität ist diejenige Weise des Seins, die die Macht (dynamis) hat, aktuell zu werden (z.B. die Potentialität eines jeden Baumes ist seine <Baumheit>, die bewirkt, daß er sich als Baum entfaltet). Es gibt andere Essenzen, die diese Macht nicht haben; dazu gehören die geometrischen Formen (z.B. das Dreieck). Diejenigen Formen, die aktuell werden, unterwerfen sich den Bedingungen der Existenz - der Endlichkeit, der Entfremdung, dem Konflikt usw.
sie sind damit ...dem Wachstum, dem Verfall und dem Tod unterworfen.

Tillich geht von einem universalen Lebensbegriff aus:
Folgerichtig muß das Entstehen und Vergehen von Sternen und Felsen ebenfalls <Lebensprozess> genannt werden. T. erweitert den auf das Organische fixierten Lebensbegriff. Das Streben des menschlichen Geistes geht nun seit alters her um die Suche nach der Einheit in der Mannigfaltigkeit der Dinge. Dazu bediente man sich bestimmter Metaphern (Seinshierarchie; Seinsschichten unterschiedlicher Qualität und Geltung), die T. durch die zweckmäßigeren Metaphern <Dimensionen, Bereiche, Grade> ersetzt.

Einen Grund für den Gebrauch der Metapher Schicht ist das Faktum, daß es weite Bereiche der Wirklichkeit gibt, in denen gewisse Charakteristika des Lebens nicht sichtbar sind, z.B. die ungeheure Masse anorganischer Materie, in der keine Spuren organischen Lebens angetroffen werden, und die vielen Formen organischen Lebens, in denen weder die psychische noch die geistige Dimension sichtbar ist. Kann man die Metapher <Dimension> auf solche Fälle anwenden? Ich glaube, man kann es. Sie kann auf die Tatsache hinweisen, daß gewisse Dimensionen des Lebens, auch wenn sie nicht in Erscheinung treten, dennoch potentiell vorhanden sind. Die Unterscheidung des Potentiellen vom Aktuellen impliziert, daß alle Dimensionen stets gegenwärtig sind, wenn nicht aktuell, so doch potentiell. Die Aktualisierung einer Dimension ist von Bedingungen abhängig, die nicht immer gegeben sind. Die erste Bedingung für die Aktualisierung einer Dimension (außer der der anorganischen) ist, daß andere sich bereits aktualisiert haben müssen. So ist z.B. die Aktualisierung der organischen Dimension nicht möglich ohne die vorausgegangene Aktualisierung der anorganischen, und die Dimension des Geistigen würde potentiell bleiben ohne die vorausgegangene Aktualisierung des Organischen.
Aber das ist nur eine der Bedingungen. Die andere ist, daß in dem Bereich, der durch die bereits erfolgte Aktualisierung einer Dimension charakterisiert ist, bestimmte Konstellationen entstehen müssen, die die Aktualisierung einer neuen Dimension ermöglichen. Milliarden von Jahren hat es auf der Erde bedurft, bevor der anorganische Bereich die Entstehung von Wesen begünstigte, die unter der Herrschaft der organischen Dimension stehen, und weitere Millionen von Jahren mußten vergehen, bis der organische Bereich die Erscheinung eines Wesens mit Sprache begünstigte. Und wieder dauerte es Tausende von Jahren, bis das sprachbegabte Wesen zu dem geschichtlichen Menschen wurde, in dem wir uns selbst erkennen. In all diesen Fällen wurden potentielle Dimensionen aktuell, weil Bedingungen für die Aktualisierung dessen gegeben waren, was bereits potentiell vorhanden war ...
Im Atom ist nur eine und zwar die anorganische Dimension aktualisiert, aber alle anderen sind potentiell vorhanden. Symbolisch ausgedrückt könnte man sagen:
Als Gott das Atom schuf, da schuf er potentiell den Menschen - und mit ihm alle anderen Dimensionen des Lebens
Sie sind alle in jedem Bereich gegenwärtig, teils nur potentiell, teils (oder ganz) aktuell.
Tillich geht weiter darauf ein, dass es eine Wertigkeit der einzelnen Dimensionen gibt. Die Aktualisierung der einen Dimension ist die Voraussetzung für die Aktualisierung der anderen (höheren) Dimension. Während das umgekehrte Verhältnis nicht gilt.
... Der geschichtliche Mensch bringt die geschichtliche Dimension zu allen anderen Dimensionen hinzu, die in seinem Sein als Voraussetzung enthalten sind. Er nimmt daher wertmäßig die höchste Stelle ein, vorausgesetzt, daß das Kriterium für ein solches Werturteil die Kraft eines Individuums ist, eine größtmögliche Zahl von Potentialitäten zu aktualisieren.
Im Folgenden geht es um das Verhältnis von Dimension und den Kategorien Zeit, Raum, Kausalität und Substanz. Diese Kategorien erhalten in den verschiedenen Dimensionen jeweils einen besonderen Akzent und machen dadurch erst eine Abgrenzung der nicht starr festliegenden Dimensionen möglich. Die Charakterveränderung der Kategorien in den verschiedenen Dimensionen macht Tillich an einigen Beispielen deutlich:
Anorganischer Raum und organischer Raum sind verschiedene Räume. Psychologische Zeit und geschichtliche Zeit sind verschiedene Zeiten, und anorganische Kausalität und geistige Kausalität sind verschiedene Kausalitäten... (die geschichtliche Kausalität ist komplexer als die physikalische Kausalität, aber die physikalische Kausalität ist nicht außer Kraft gesetzt).
Demnach kann es nicht nur eine durchgängige Wirkursache geben, folglich:
Eine solche Betrachtungsweise gibt ein sicheres Fundament ab für die Ablehnung jeder reduktionistischen Ontologie, sei sie naturalistisch oder idealistisch.
Seite 30f:
Das Anorganische hat eine bevorzugte Stellung unter den Dimensionen, insofern es die erste Bedingung für die Aktualisierung jeder anderen Dimension ist. Darum würden alle anderen Seinsgebiete sich auflösen, wenn ihre erste Bedingung, nämlich die Konstellation anorganischer Strukturen, verschwände...

Die organische Dimension ist durch Gestalten charakterisiert, die auf sich selbst bezogen sind, sich selbst zu erhalten suchen, über sich hinauswachsen und sich fortpflanzen.

Die Dimension des Organischen ist potentiell im Anorganischen gegenwärtig; wann sie sich aktualisiert, hängt von einer Konstellation von Bedingungen ab. Es ist die Aufgabe der Biologie und der Biochemie, diese Bedingungen aufzufinden.

Eine ähnliche Lösung kann für ein weiteres Problem gefunden werden: das Problem des Übergangs von der vegetativen zur animalischen Dimension, speziell des Phänomens des Psychischen im Individuum. Auch hier hilft uns für die Lösung des Problems die Unterscheidung von potentiell und aktuell. Potentiell ist das Psychische in jeder Dimension gegenwärtig, aktuell erscheint es erst in der animalischen Dimension.

Unter besonderen Bedingungen bringt die Dimension des Psychischen eine weitere Dimension zur Verwirklichung, die des Geistigen. Soweit die menschliche Erfahrung reicht, ist dies nur im Menschen geschehen. Die Frage, ob sich das Geistige noch an irgendeiner anderen Stelle im Universum aktualisiert hat, kann bis jetzt weder positiv noch negativ beantwortet werden.

Als die Kraft des Lebens darf der Geist nicht mit dem anorganischen Substrat, das durch ihn beseelt wird, identifiziert werden. Er ist vielmehr die Macht der Beseelung selbst und nicht ein Teil, der dem anorganischen System hinzugefügt wird. (32)

Eine Verwirrung stiftet der Gebrauch des Wortes Geist, wenn man von einer "geistigen Welt" spricht, besonders wenn man dabei an etwas wie die platonische Ideenwelt denkt. Hier aber muß scharf unterschieden werden: das Leben in der Welt der Ideen ist geistiges Leben, aber die Welt der Ideen kann nicht "geistige Welt" genannt werden. Sie ist "essentielle Welt" oder "Wesens-Welt", die Ideen sind Potentialitäten des Lebens, aber nicht selber Leben, während der Geist eine Dimension des Lebens ist.(33f)

Verhältnis des Geistes zu Seele und Vernunft: Tillich stellt fest, dass das Wort Seele seit Hume und Kant seinen Nutzen verloren hat mit der Ablehnung der Idee einer unsterblichen Seelensubstanz.
Im Folgenden untersucht Tillich das Verhältnis der Dimension des Geistes zu den beiden formen der Vernunft:
Vernunft im Sinne von Logos ist die sinnvolle Form, nach der die Wirklichkeit in all ihren Dimensionen und der Geist in all seinen Funktionen strukturiert sind. Es gibt Vernunft in der Bewegung eines Elektrons wie in den ersten Worten eines Kindes, wie in jeder Schöpfung des Geistes. Der Geist als eine Dimension des Lebens umfaßt mehr als Vernunft. Er umfaßt eros, Leidenschaft, Gefühl, aber ohne Vernunftstruktur wäre er nicht fähig, irgend etwas zu schaffen. Vernunft im Sinne der technischen Vernunft, z.B. im Sinne wissenschaftlicher Beweisführung, ist eine der Fähigkeiten des menschlichen Geistes in der kognitiven Sphäre. Sie ist ein Werkzeug für die wissenschaftliche Analyse und die technische Beherrschung der Wirklichkeit. (35)
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