WIE VERNÜNFTIG IST DIE VERNUNFT?
von Univ. Lektor Prof. Mag. Dr. Walter W. Weiss
TEIL I: DIE VERNUNFT
Unbestritten dürfte sein, daß es die Vernunft ist, die den Menschen zum Menschen macht - zumindest gilt solches im westlichen Kulturkreis, wo sich seit der griechischen Philosophie der Mensch als animal rationale, als vernunftbegabtes Lebewesen vom nicht-vernünftigen, also dem Tier unterscheidet. Diese herausragende Eigenschaft des Menschen gilt freilich nur dem Abendländer als die wesentlich(st)e Unterscheidung zum Tierreich. Im östlichen Denken ist es vielmehr das Selbst, das den Menschen aus der Schöpfung herausragen läßt, wobei die Frage nach dem Selbst genauso kniffelig zu sein scheint, wie jene nach dem Wesen der Vernunft. Angesichts des offensichtlich zunehmenden Maßes an Unvernünfigkeit innerhalb des menschlichen Handelns stellt sich dem aufgeklärten Denker in der Nachfolge Aristoteles' die Frage, ob die Vernunft tatsächlich dasjenige sei, auf das der Mensch sich am meisten einbilden dürfe. Denn ganz offensichtlich besteht eine große Diskrepanz zwischen Vernunft und vernünftig. Man denke nur an Probleme wie Übervölkerung, Ozonloch, Saurer Regen, Overkill, etc.
Der Begriff der Vernunft ist nicht eindeutig. So lehnt das Christentum die Vernunft als - bringt man es auf den Punkt - "teuflisch" und dem Schöpfungsplan Gottes entgegenwirkend ab (Erbsünde als Folge des Essens vom Baum der Erkenntnis; historische Wissenschaftsfeindlichkeit der Kirche) und stellt den Glauben eindeutig v o r das Vermögen des analytischen Denkens. Aber auch innerhalb der europäischen Philosophia perennis, also des fortwährenden Ganges des philosophischen Denkens über die Zeiten, wird der Vernunftsbegriff widersprüchlich definiert:
Dictio: Die Vernunft ist das Prinzip, nach dem die Welt (die Natur) aufgebaut ist und nach deren Regeln alle Prozesse inner- (aber auch: außer-)weltlich ablaufen. Die Anwendung der Vernunft garantiert dem Menschen, die Welt in ihrer Widersprüchlichkeit so verstehen und technisch manipulieren zu können.
Contradictio: Die Vernunft ist d a s spezifisch menschliche Vermögen, die Welt so zu interpretieren, daß sie für den Menschen als widersprüchliche faß- und als widerspruchsfreie manipulierbar wird.
Conclusio: Als dritte - vermittelnde - Position könnte gelten: Die Vernunft ist e i n e s der spezifisch menschlichen Vermögen, die Welt zu interpretieren; und zwar jenes, das sie über das Auflösen ihrer scheinbaren Widersprüche für den Menschen faß und manipulierbar macht.
Weltvernunft ja oder nein?
Die erste Position ist die des Aristoteles und all jener Denker, die ihm darin nachfolgen. Sie gipfelt in der französischen Aufklärung (Descartes: Cogito, ergo sum Voltaire; das Erhöhen der Vernunft zum quasi Gott-Ersatz) und führt in den Deutschen Idealismus mit dessen Geistesgiganten Immanuel Kant und G. W. F. Hegel. In ihrer negativen Ausprägung leitet sie über den Marxismus und die totale Machbarkeit der Welt zur Position der heutigen Naturwissenschaft mit ihrem Anspruch Anything goes. Das moderne starke und schwache anthropische Prinzip 1) und - mit Einschränkungen! - auch die Evolutionäre Erkenntnistheorie bringen diese Position auf den Punkt: Der Mensch ist quasi als "Krönung der Schöpfung" nur letztes Glied einer Entwicklung (der Evolution nämlich), als das er - im Sinne des anthropischen Prinzips - das Werden der Welt würdig abschließt. Im Sinne der Evolutionären Erkenntnistheorie hat sich das Verrechnungssystem Vernunft des Menschen "nur" an die vorgefundenen Zustände in der Natur optimal angepaßt. Die Vernunft sichert als bestmögliche Ausstattung der Spezies Homo sapiens deren Überdauern und den individuellen Menschen - zumindest auf die Dauer einer durchschnittlichen Lebenszeit - Überleben.
Die Position 2 ist jene des Existenzialismus und der Chaostheorie und findet sich mit Sokrates und einigen Sophisten bis herauf zu Erich Fromm und Viktor Frankl. Der Mensch sieht die Welt erst durch die Brille seiner Vernunft so, daß der Kosmos ihm vernunftdurchwaltet erscheint. Die Welt selbst ist - mit Ausnahme der im Menschen wirkenden - ohne Vernunft; es herrscht nicht Kosmos sondern Chaos. Das Vernunft-Haben des Menschen ist in dieser Sicht nur eine von vielen Möglichkeiten der Evolution. Sie hätte auch nicht passieren können.