Wo ist Gott?
Die SS schien besorgter, beunruhigter als gewöhnlich.
EinKind vor Tausenden von Zuschauern zu hängen, war keine Kleinigkeit. Der Lagerchef verlas das Urteil. Alle Augen waren auf das Kind gerichtet. Es war aschfahl, aber fast ruhig und biß sich auf die Lippen. Der Schatten des Galgen bedeckte es ganz.
Diesmal weigerte sich der Lagerkapo (Häftling, der für „schmutzige Arbeit" Vergünstigungen erhielt), als Henker zu dienen. Drei SS-Männer traten an seine Stelle.
Die drei Verurteilten stiegen zusammen auf ihre Stühle. Drei Hälse wurden zu gleicher Zeit in die Schlingen eingeführt. „Es lebe die Freiheit!" riefen die beiden Erwachsenen. Das Kind schwieg.
"Wo ist Gott, wo ist er?" fragte jemand hinter mir. Auf ein Zeichen des Lagerchefs kippten die Stühle um. Absolutes Schweigen herrschte im ganzen Lager. Am Horizont ging die Sonne unter. „Mützen ab!" brüllte der Lagerchef. Seine Stimme klang heiser. Wir weinten. „Mützen auf!" Dann begann der Vorbeimarsch. Die beiden Erwachsenen lebten nicht mehr. Ihre geschwollenen Zungen hingen bläulich heraus. Aber der dritte Strick hing nicht reglos: der leichte Knabe lebte noch ...
Mehr als eine halbe Stunde hing er so und kämpfte vor unseren Augen zwischen Leben und Sterben seinen Todeskampf. Und wir mußten ihm ins Gesicht sehen. Er lebte noch, als ich an ihm vorüberschritt, seine Zunge war rot, seine Augen noch nicht erloschen. Hinter mir hörte ich denselben Mann fragen: „wo ist Gott?" Und ich hörte eine Stimme in mir antworten: „Wo ist er? Dort – dort hängt er am Galgen ..."
An diesem Abend schmeckte die Suppe nach Leichnam.
(Elie Wiesel, Die Nacht zu begraben ..., 1986, Seite 93/94)

"Nie werde ich diese Nacht vergessen, die erste Nacht im Lager, die aus meinem Leben eine siebenmal verriegelte lange Nacht gemacht hat. Nie werde ich diesen Rauch vergessen. Nie werde ich die kleinen Gesichter der Kinder vergessen, deren Körper vor meinen Augen als Spiralen zum blauen Himmel aufstiegen. Nie werde ich die Flammen vergessen, die meinen Glauben für immer verzehrten. Nie werde ich das nächtliche Schweigen vergessen, das mich in alle Ewigkeit um die Lust am Leben gebracht hat. Nie werde ich die Augenblicke vergessen, die meinen Gott und meine Seele mordeten, und meine Träume, die das Antlitz der Wüste annahmen. Nie werde ich das vergessen, und wenn ich dazu verurteilt wäre, so lange wie Gott zu leben. Nie..."
...
Einige SS-Offiziere schritten auf der Suche nach kräftigen Männern den Raum ab. Wenn Körperkraft geschätzt war, empfahl es sich vielleicht, als robust angesehen zu werden. Mein Vater dachte anders: Es sei besser, nicht aufzufallen. Das Schicksal der anderen würde auch unseres werden. (Später sollten wir erfahren, daß er recht behalten- hatte. Die an diesem Tag ausgewählten Männer wurden dem Sonder- kommando zugeteilt, jenem Kommando, das in den Gaskammern arbeitete. Bela Katz, der Sohn eines Großkaufmanns meiner Vater- stadt, war eine Woche vor uns in Birkenau angekommen mit dem ersten Transport. Als er wegen seiner Körperkraft dem Sonderkommando zugeteilt und dadurch gezwungen worden sei, seinen eigenen Vater in die Gaskammer zu schieben.)...
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"Wie fühlst du dich Vater" fragte ich, sobald ich ein Wort herausbrachte. Ich wußte, daß er nicht weit von mir liegen konnte. "Gut" antwortete eine ferne Stimme, die aus einer anderen Welt herüberzuströmen schien. "Ich versuche zu schlafen". Er versuchte zu schlafen. Hatte er recht oder unrecht?
Konnte man hier überhaupt schlafen? War es nicht gefährlich, seine Wach- samkeit auch nur einen Lidschlag einschläfern zu lassen, wo der Tod jede Sekunde zupacken konnte? So dachte ich, als ich den Ton einer Violine hörte. Den Klang einer Geige in der stockfinsteren Baracke, wo die Toten auf den Lebenden lagen. Wer war der Narr, der hier, am Rande seines eigenen Grabes Geige spielte? Oder war es eine Sinnestäuschung? Es mußte Juliek sein. Er spielte einen Satz aus einem Beethovenkonzert. Nie hatte ich so reine Töne vernommen. Und in solcher Stille. Wie war es ihm gelungen, sich loszumachen? Sich unter meinem Körper freizu- arbeiten, ohne daß ich es merkte?
Es herrschte volkommene Dunkelheit. Ich hörte nur die Geige, und es war, als diene Julieks Seele als Bogen. Er spielte sein Leben. Sein ganzes Leben glitt über die Saiten. Seine begrabene Hoffnung. Seine veraschte Vergangenheit, seine erloschene Zukunft. Er spielte, was er nie mehr spielen würde. Ich werde Juliek nie vergessen. Wie könnte ich ein Konzert vergessen, das vor Sterbenden und Toten gegeben wurde! Noch heute, wenn ich Beethoven hören, schließen sich meine Augen, und der Dunkelheit entsteigt das bleiche traurige Antlitz meines polnischen Kameraden, der von einer Hörerschaft Sterbender Abschied auf der Geige nahm.
Ich weiß nicht, wie lange er spielte. Der Schlaf übermannte mich. Als ich bei Tagesanbruch erwachte, erblickte ich Juliek, der mir gegenüber verkrümmt dalag, tot. Neben ihm lag seineVioline, zertreten, zertrampelt, eine kleine, wunderliche, erschütternde Leiche ....
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"Mein Sohn, Wasser ... Ich verbrenne ... Mein Bauch..." "Ruhe dort!" brüllte der Offizier. "Elieser", rief mein Vater in einem fort, "Wasser..." Der Offizier trat heran und schrie, er solle den Mund halten. Aber mein Vater hörte ihn nicht und rief in einem fort. Der Offizier schlug ihm mit seinem Knüppel auf den Kopf. Ich rührte mich nicht. Ich fürchtete, mein Körper fürchtete, auch einen Schlag zu bekommen. Nun röchelte mein Vater, und ich hörte meinen Namen: "Elieser". Ich sah ihn noch stoßweise atmen und rührte mich nicht. Als ich nach dem Appell von meiner Pritsche stieg, konnte ich noch seine zitternden Lippen murmeln sehen. Über ihn gebeugt, betrachtete ich ihn eine gute Stunde lang, um sein blutüberströmtes Gesicht, seinen zerschmetterten Schädel im Gedächtnis zu bewahren. Dann war Nachtruhe, und ich kletterte auf meine Pritsche über meinem Vater, der noch immer lebte. Es war der 28. Januar 1945. Am 29. Januar erwachte ich im Morgengrauen. An Stelle meines Vaters lag ein anderer Kranker auf der Pritsche unter mir. Vermutlich hatte man ihn vor Tagesanbruch in die Gaskammer gebracht. Vielleicht atmete er noch ... Es wurden keine Gebete über seinem Grab gesprochen, zu seinem Andenken wurde keine Kerze entzündet. Sein letztes Wort war mein Name gewesen. Ein Ruf, den ich nicht beantwortet hatte.
Ich weinte nicht, und es tat mir weh, nicht weinen zu können. Aber ich hatte keine Tränen mehr.
Hätte ich mein schwaches Gewissen bis ins Tiefste erforscht, vielleichtte ich dort etwas wie das Wörtchen "endlich frei!" entdeckt....
...
Eines Tages konnte ich mich unter Aufbietung aller Kräfte aufrichten. Ich wollte mich in einem Spiegel sehen, der an der gegenüberliegenden Wand hing. Ich hatte mich seit dem Ghetto nicht mehr gesehen. Aus dem Spiegel blickte mich ein Leichnam an. Sein Blick verläßt mich nicht mehr.
Aus: "Die Nacht" von Elie(ser) Wiesel, geb. 1928 in Sighet (Rumänien), Friedensnobelpreisträger, Professor für Literatur in Boston.