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Nur noch 56 Tage und der Rest von heute bis zum Jahrtausendwechsel! Was bedeutet dieser Tag für sie?Wird das ein Tag sein wie jeder andere auch? Hand aufs Herz: Kribbelts nicht doch irgendwo und irgendwie angesichts dieser kurzen Zeitspanne bis zum Millennium?Wenn sie auch keine ultimative Millenniumsparty besuchen, wenn sie auch kein Millenniumsbaby erwarten wie eine meiner Schülerinnen aus dem Friseurbereich, wenn sie sich auch keine Millenniumsuhr von MC Donalds gekauft haben, so wird der kommende Silvester doch etwas Besonderes für die meisten an sich haben.
Die 2 mit den 3 Nullen übt eine fast magische Anziehungskraft auf viele Menschen aus.
Es ist ja nicht die Zahl die eigentliche Ursache dafür, sondern unser tiefsitzendes Bedürfnis, in den großen, oft chaotischen Läufen der Geschichte einen Sinn ausfindig zu machen.
Erwartungen und Befürchtungen - das 21. Jahrhundert betreffend - sind ja nur der Spiegel eigener Sorgen und Hoffnungen - unsere kleine Lebensgeschichte betreffend.
Darum will ich das Thema tiefer hängen und lade sie ein zu einer kurzen Reise in das Phänomen von Zeit und Geschichtlichkeit, Empfindungen und Bilder - lose aneinandergereiht.
Die Zeit, gerichtet, getaktet, von Sekundenzeigern zerhackt, eingeteilt in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Die Zeit - offenbar ein flüchtiges Etwas. Während ich die Worte im Jetzt-Punkt formuliere, gehört der Sinn, den sie transportieren, bereits der Vergangenheit an, sobald die Schallwellen ihr Ohr erreichen, denn es ist eine wenn auch kurze Zeitspanne verstrichen. Da rast etwas mit uns durch die Welt ohne daß wir es festhalten könnten.

Waren sie auch so beindruckt als Kind vom Mond wie ich, als ich fasziniert war von seinem Lauf über den Nachthimmel. ER - der schwindet und wächst in schöner Regel, der sein mildes, abgeschattetes Licht spendet und die Erde treu umrundet, in der steten Wiederkehr des Gleichen der Ursprung der Zeiteinteilung. Symbol für die Dauer.

Der alte Mann, der im Krankenhaus liegt, aus dem Fenster schaut und den gerade vollen Mond betrachtet - was mag er empfinden beim Gedanken an die morgen bevorstehende schwere Operation, deren Ausgang völlig ungewiß ist? Sehe ich den Mond zum letzten Mal? Sind es meine letzten Stunden, die nun anbrechen?
Meine Zeit - die bemessene Zeit.
Zeit - die verrinnt, das Stundenglas.
Manchmal erschrecke ich: was - schon 10 Jahre hier im Kirchenkreis tätig? Mir kommt es vor, als hätte ich vor 3 Wochen erst angefangen. Bilder von Schülern, Erinnerungen an Gelungenes und Mißlungenes - alles vermischt sich, wird konturlos und blaß, reduziert auf wenige herausragende Erlebnisse.
Unsicherheit, wieviel Zeit, Lebenszeit, Gnadenzeit sagte K.Barth dazu, mir noch bleibt.
Bewußtsein von Zeitlichkeit - zum Ende vorlaufende Gedanken - gerade jetzt im Herbst, gerade jetzt am Ende des Kirchenjahres.
Zeit nichtet. Sie überführt gegenwärtig Lebendiges in eingefrorene, für immer und ewig festliegende Vergangenheit, nicht mehr zu korrigieren.
Alles hat seine Zeit -so steht es im Prediger- Geboren werden hat seine Zeit, Sterben hat seine Zeit.
Es scheint uns aufgetragen, uns in dieses Sterben, in das Weniger - werden und Altwerden ein Leben lang einzuüben.
Es ist fatal, die Lebenszeit anhalten zu wollen, nicht alt werden zu können.
Peter Hahne schreibt zum Tod von Rex Gildo folgenden Kommentar:
"Jugend ist nicht konservierbar. Irgendwann bröckelt die schönste Fassade. Irgendwann wirken enge Hosen und offene Glitzerhemden nur noch peinlich. Rex Gildo, ein älterer Herr von 63, der nicht altern wollte und deshalb albern wurde." Ende des Zitats
Krank werden kann man auch am Zeitempfinden, wenn man meint, daß einem aus der Zukunft nur noch Vergangenheit entgegenkomme, wenn man sich von der Hoffnung auf Veränderung abgeschnitten wähnt.
Szenenwechsel
Alexander und seine Mutter steigen um 9.35 Uhr mit 5 Koffern in Kassel- Wilhelmshöhe in den ICE 884 "Wilhelm Conrad Röntgen" . Im fünften Waggon sind die Plätze 71 und 72 für sie reserviert. Mutter und Sohn wollen an die Ostsee. Um 10.57 Uhr verläßt Alexander das Abteil, er möchte doch seinen Lieblingszug erkunden. Die Mutter ruft ihn zurück, da sie einen Knall hört und ein kurzes Schlingern des Zuges bemerkt. Auch Monika A. aus Hildesheim - einige Abteile weiter- hört den Knall, dem stählerne, mahlende Geräusche folgen -wie sie später aussagen wird-. Sie sucht den Blickkontakt zu den anderen fremden Reisenden, doch niemand reagiert. Auch der Schaffner hat einen sehr starken Ruck bemerkt, sich aber keine Sorgen gemacht. Auch ihn beruhigt, daß der Zug nach dem sachten Schlingern nun wieder friedlich und in gewohntem Tempo weiterfährt. Jörg D. stürmt durch den Zug und ruft: Es ist etwas Schreckliches passiert. Doch der Schaffner will die Notbremse nicht ziehen, sondern sich zunächst die geborstene Stelle im Boden des ersten Waggons anschauen. Wertvolle 60 Sekunden verstreichen. Wie man später ermitteln wird, ist um 10.57 der Radreifen unter dem ersten Waggon gebrochen, der sich 120 Sekunden später in eine Weiche kurz vor dem Bhf Eschede verkeilen, diese umstellen und die nachfolgenden Waggons zum Entgleisen bringen wird.
Auch die Mutter von Alexander läßt sich beruhigen, erlaubt nun ihrem Sohn den Zug zu erkunden, nicht wissend, daß sie ihn damit in jenen Bereich gehen läßt, der in wenigen Sekunden von der Betonbrücke begraben sein wird. Alexander läßt sein Leben mit 100 anderen Zugpassagieren, seine Mutter überlebt schwerverletzt bei einem der schwersten Zugunglücke unseres Jahrhunderts. Die deutsche Titanic- so titelte der Spiegel.

Das beklemmende Protokoll eines realen Zeitablaufs, der uns den schrecklichsten Aspekt von Zeit enthüllt: das was die Philosophen Kontingenz nennen, den absoluten Zufall, der auf Nichts aber auch garnichts zurückführbar ist, der die Mutter die falsche Entscheidung im falschen Augenblick treffen läßt, der den Schaffner und Jörg D. unverletzt überleben läßt, da sie in den ersten Waggon zurückrennen, anstatt gleich die Notbremse zu ziehen.
Zufall, Schicksal, Vorsehung Gottes, der gibt und nimmt, wie er will oder einfach nur: Pech gehabt?
Vor der Kontingenz versagt die Sprache, die erklären will, tragen die Worte nicht mehr.
Wo warst du, Gott - mag man hier in den Himmel schreien. Und mit dem Prediger kann man nur sagen: Klage hat hier ihre notwendige Zeit, wo alle Versuche, Gott im Kontingenten zu verorten, zum Scheitern verurteilt sind.
Der Schaffner wird angeklagt werden wegen fahrlässiger Tötung. Die Staatsanwaltschaft wird behaupten, daß Unglück hätte durch Ziehen der Notbremse in seiner Schwere gemindert werden können.
Aber ich hätte da eine kleine Anfrage: Kann ein Mensch in einer Zeitspanne von 60 Sekunden, etwa fünfmal weniger Zeit, als ich benötigte, um ihnen diesen Teil meiner Predigt zu Gehör zu bringen, angemessen reagieren, überlegen, urteilen? Die getaktete Zeit, die wir uns von Maschinen aufbürden lassen, überfordert offensichtlich uns fehlbare Menschen. Wir unterwerfen uns da einem Diktat der Zeit, das nicht naturgegeben, am wenigsten schöpfungsgewollt ist.
Und ich hätte da noch eine kleine Anfrage:
Müssen wir wirklich immer schneller reisen, noch früher ans Ziel gelangen? Zeit ist Geld, Zeit die wir sparen wollen, für was? Was opfern wir da und vor allem: wem?
Oder sind solche Unfälle gar der Preis, den wir für den rastlosen technischen Fortschritt zu entrichten haben?
Eschede ein Fanal, ein Zeichen unserer Epoche für die ungebrochene Technikgläubigkeit, die das zu Ende gehende Jahrhundert so sehr gezeichnet hat. Monika A. hat ja was gehört, die Mitfahrenden im Abteil auch, aber sie reden nicht mal drüber. Alles bleibt stumm. Wird schon nichts Schlimmes gewesen sein. Blindes Vertrauen auf technische Systeme. Fasziniert sein von dem, was wir alles können. Alexander will doch nicht grundlos seinen Lieblingszug erkunden. Warum hat keiner den Mut, selber die Notbremse zu ziehen?
Überkommt es sie nicht auch manchmal angesichts solcher Katastrophen, daß man innehält, nachdenklich wird und fragt: Was wäre, wenn ein winzig kleiner Zufall in deinem Leben auch dich hätte einsteigen lassen in diesen Unglückszug in die Apokalypse?
Ist die Kontingenz, die Zufälligkeit nicht geradezu ein Wesensmerkmal unseres Lebens in Zeit und Geschichte?
Winzige Kleinigkeiten sind es oft, die nicht mal die Schwelle der Bewußtheit erreichen, Dinge in unserem Leben, Begegnungen mit Menschen, ein durch Zufall erworbenes Buch, dessen Inhalt sie ergreift und verändert, zufällige Ereignisse, die zu Weichenstellungen werden in unserem Leben.
Nichtiges, Versäumtes, Schuld, die unsere Biografie zum Fragment macht. Und wir fragen: Gibt es da jemanden, der das überschaut, der das zusammenhält, der das zu einem guten Ziel führt, wo wir doch oft den roten Faden verlieren.
Gott hat die Ewigkeit in das Herz des Menschen gelegt - so steht es im Prediger. Die Ewigkeit - ein Symbol für unseren Wunsch nach festen Ufern im unaufhörlichen Fluß der Zeit.
Die Sprache des Predigers ist da sehr nüchtern, ehrlich und erstaunlich realistisch: Töten hat seine Zeit - heißt es da - heilen hat seine Zeit, lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit, Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.
Ja, so ist es - so hat Gott es vorgesehen - Gutes und Schlechtes, Freude und Leid liegen oft dicht beieinander, für uns rätselhaft, undurchschaubar.
Alles hat seine Zeit - subjektiv und nicht physikalisch - objektiv
jeder Mensch hat sein eigenes Zeitempfinden, seinen Rhythmus.
Die Zeit - nicht gerichtet, nicht getaktet, nicht gestückelt in Zeiteinheiten.
Die Zeit - pulsierend, schwingend, das Empfinden von Wandel, jeder auf seine eigene Weise.
Die Zeit - nicht einteilbar in Epochen oder Weltläufe, schon gar nicht vorausschaubar in Jahrtausenden.
Die erlebte, erfahrene Zeit, von dynamischem Wechsel geprägt.
Glaubt doch nicht denen, die uns weismachen wollen, es werde alles immer nur schlechter. Es stimmt doch nicht - weder im großen des geschichtlichen Laufs, noch im Kleinen der persönlichen Biografie.
weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit, klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit!
Vergessen wir doch das Lachen nicht!
Angenehme Zeit: Im Gottesdienst zB., Zeit zur Ruhe, Geborgenheit erleben.
Eine der vielen Millenniumsveranstaltungen zB. besuchen. Gemeinsam mit anderen Hoffnung teilen.
An einer Musikveranstaltung teilnehmen, in der man spürt, wie die Seele leicht wird und Lasten abwirft, auf der man für kurze Zeit mit der Musik und den anderen verschmilzt.
Zeit der Meditation, wo alle Uhren zu schweigen haben.
Der Tagtraum - sich ausklinken aus dem Zeitdiktat, Zeit die sich endlos dehnt. Vergangenes, Angenehmes, Schönes, liebevolle Begegnungen, Urlaubserlebnisse kehren wieder, verlebendigen sich aus der toten Vergangenheit heraus im Gegenwärtigen, das nur für uns da ist. Wie schön, daß es diese Möglichkeit gibt!
Und vergeßt mir das Tanzen nicht! Kommt das eigentlich in unseren Kirchenmauern und Gemeinderäumen vor? Schade daß wir diese Kultur der sinnlichen und körperlichen Freuden, der Schönheit der Bewegung, ja der Ekstase so wenig gepflegt haben.
Wie paßt das denn nun alles zusammen, mögen sie jetzt fragen. Vorhin war noch die Rede von den Schrecknissen der Zeit, nun vom Tanzen?
Das ist widersprüchlich - so widersprüchlich wie die Welt sich uns zeigt und wie wir hier und da unser eigenes Leben empfinden.
Kann, darf man tanzen angesichts von Not und Leid in der Welt?
Weinen und Trauer haben ihre wichtige und notwendige Zeit, aber ihre begrenzte Zeit. Ein ganzes Leben lang trauern und weinen? Nein!
Das eigene Leben - nur grau in grau gemalt? Unsinn - so hat es der Prediger nicht gemeint!
Das Leben hält für jeden phantastisch schöne Zufälle, Einmaligkeit, unwiederholbares Glück bereit! Das zu übersehen, wäre eine große Mißachtung des Geschenks, das Gott uns mit dem Leben macht.
Lernen wir vom Fallen der Blätter im Herbst!
Fügen wir uns in den Lauf von Endlichkeit und Sterben, dessen Sinn uns in letzter Konsequenz verschlossen bleibt, aber jeden Tag, den wir erleben dürfen, mit einem je eigenen Wert erfüllt.
Fügen wir uns in das Fallen der Blätter, die Geschehnisse, Ereignisse, Unliebsames und Trauriges in unserem Leben symbolisieren mögen.
Lassen wir zum Ende kommen, was unabänderlich ist.
Verabschieden wir uns von dem, was uns aus der Vergangenheit immer wieder zu sich ziehen will.
Lassen wir getrost sterben in Gottes Hand, der will, daß wir Zukunft haben.
Denn Er kommt uns doch aus ihr entgegen.
Hat der Herbst nicht auch seine schönen Seiten?
Wie heißt es am Ende des Herbstgedichts von Rilke?
"... denn da ist einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält."

Amen

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus Amen






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